ARD-Themenwoche: Zukunft der Arbeit

 

"Zukunft der Arbeit" ist der Titel der ARD-Themenwoche 2016. Am Mittwoch, 2. November, um 20.15 Uhr zeigt das Erste den Thriller „Dead Man Working“, in dem es um die kriminellen Machenschaften von Bankenchefs und Fondsmanagern geht. Für den Caretrialog sprach Gitta Schröder mit Wolfram Koch (bekannt auch als Tatort-Ermittler Paul Brix in Frankfurt), der im Drama den hochrangigen Investment-Banker Jochen Walther spielt, der sich nach einem unseriösen Riesendeal vom Dach der Bank stürzt. Im Nachhinein versucht sein junger Assistent herauszufinden, wie es zum Selbstmord seines Mentors kam.

 „Die Menschen sehnen sich

 wieder nach Life-Momenten”

 

Tatort-Ermittler Wolfram Koch spielt im Banker-Drama „Dead Man Working“ einen hochrangigen Investment-Banker, der sich nach einem Milliarden-Deal vom Dach der Bank stürzt. Im Caretrialog-Interview reflektiert Koch über seine Rolle und die veränderte Zukunft der Arbeit – für sich und seine vier Kinder.

 

Caretrialog: Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle vorbereitet?

Wolfram Koch: Ich habe am Theater schon einige Banker gespielt und mich bereits damit beschäftigt, was einen solchen Mensch auszeichnet. Das Gute an dem Film ist, dass er nicht in die Klischeefalle tappt. Auch, wenn die Zuschauer gerne eine Unterscheidung in Schwarz und Weiß möchten. Für mich ist dieser Banker ein Mensch, der effektiv arbeiten muss und kann, um hoch zu kommen. Er hat eine gewisse Strenge und Kälte und funktioniert. Aber er hat sich auch einen Rest Unkonventionelles bewahrt, indem er einen jungen Mann engagiert, der überhaupt nicht nach diesen Leitlinien funktioniert. Vielleicht aus einer Sehnsucht danach, wie er selbst früher einmal war. Und aus Sehnsucht nach einer Familie, die privat nicht mehr funktioniert, aber die er im Betrieb als Ersatz aufgebaut hat. Eigentlich ist es eine Art Shakespeare-Drehbuch verlagert in die Bankenwelt …

Und egal ob er aus Rache an der Bank in den Tod springt und oder aus Hilflosigkeit – die Verzweiflung ist für Walther gleich groß. Das ist, was mich interessiert. Und weil der Film aus den Augen des jungen Mannes erzählt wird, wirkt sein Mentor sehr viel menschlicher.

 

Sie sagen, Sie seien eher Theatermann und lieben den direkten Kontakt zum Publikum. Machen Sie jetzt trotzdem mehr Fernsehen zum Beispiel als Tatort-Kommissar Paul Brix?

Koch: Nee. Eigentlich mehr Theater. Da mache ich sehr viel. Ich genieße den Luxus, dass ich seit 20 Jahren freischaffend spiele und die Arbeit immer an Leuten festgemacht habe, nicht an Orten. Es gab ein paar Regisseure, die sind wie meine Theater-Familie, mit denen hab ich gerne herumgesponnen. Und dann kam eben Film dazu, was mir auch viel Spaß macht. Da merkt man, dass man nicht ausgelernt hat. Weder im Theater, noch im Film. Es gibt immer noch viel zu entdecken und das mag ich. Deswegen bleibe ich neugierig.

 

Wahrscheinlich wird sich die Arbeitswelt in den nächsten Jahren durch zunehmende Digitalisierung und Globalisierung komplett umkrempeln. Haben Sie eigentlich Kontakt zu normal Arbeitenden?

Koch: Ja – habe ich. In meinem Freundeskreis sind zwar auch zwei Schauspieler, aber ich habe auch einen Freund, der ist Geologe, ein anderer ist Koch, der jeden Morgen früh raus muss. Dann noch zwei Ärzte. Und einer, der hat gar nichts gelernt. Der liest nur. Außerdem bin ich am Theater umringt von Handwerkern. Aber leider verdammt unsere Gesellschaft handwerkliche Beruf total. Das finde ich katastrophal. Ich habe vier Kinder, die sind 28, 26 und Zwillinge mit 15. Was die Berufswünsche angeht, fällt mir auf, dass es in Frankfurt, wo wir leben, nur noch BWL gibt. Es gibt kaum Anregungen dafür, was es noch an Berufen geben könnte. Da sagt niemand, wie wäre es mit Landschafts-Architekt oder Bootsbau? Ich habe versuche, dass bei meinen Kindern nachzuholen.

Und unterdessen sucht die Baubranche händeringend nach Maurern, Schlossern, Schreinern – Fachkräften – aber es ist verpönt, das zu machen. Das war zu meiner Zeit noch anders, in meinem rheinischen Dorf. Da ist einer meiner Freunde Bäcker geworden, der nächste Winzer – für mich alles gleichwertige Berufe zum Schauspieler. Denn auch ich bin Handwerker – das meine ich völlig ohne Koketterie.

 

Und die positiven Seiten?

Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch ein paar Dinge, die einem dienlich sein können. Handys, Internet und mehr Möglichkeiten, in die Welt zu gehen, mehr Sprachen zu lernen. Das ist bei all dem derzeitigen Nationalismus in Europa doch ein Punkt, der wirklich positiv ist. Aber, wenn die ganzen Computer irgendwann mal selber entscheiden, was sie tun – dann sehe ich an diesem Punkt die tickende Bombe der Zukunft.

 

Wo und wie sehen Sie sich in 10 Jahren? Was wird um uns herum geschehen? Wird die Immobilienblase noch drei Mal platzen.

Koch: Ja, die Immobilienblase wird drei Mal platzen, es werden mehr Leute gefeuert, glaube ich. Aber das Positive ist, dass es auf der anderen Seite eine Sehnsucht nach mehr Kreativität, mehr Theater und Kunst geben wird – das glaube ich ganz sicher. Und da wird unsere Theaterlandschaft, um die uns viele in Europa beneiden, hoffentlich sehr viel mehr Arbeitern neue Jobs ermöglichen. Bühnenbildnern, Schneidern, Bühnentechnikern … Ich glaube jedenfalls, dass viele junge Leute zwar eine Sehnsucht nach virtuellem Kommunizieren haben, aber, dass die Einsamkeit irgendwann zu viel wird.

Und so wird die Sehnsucht nach einem Live-Moment größer. Deswegen sind Livekonzerte auch so brechend voll. Ein direkter Kontakt, bei dem der Künstler abstürzen könnte oder Fehler machen, das mögen die Menschen. Und dass der Künstler fehlbar ist und nicht einfach mit der Fernbedienung umgeswitcht werden kann, sondern, dass man ihm zwei Stunden zuhört, wie er trällert. Das wird bleiben. Zumindest krieg ich das jetzt so mit – auch von ganz jungen Leuten, die ins Theater strömen.

 

Werden diese Jugendliche von der Schule geschickt?

Koch: Das ist mir völlig egal. Hauptsache, die Bude ist voll. Und wenn sie dann Lust bekommen und wiederkommen, ist das doch wunderbar. Zumindest finden sie dort einen Ort, wo endlich was passiert.

 

Müssen sich die Öffentlich-Rechtlichen Sender auch bemühen, dass sie die Jungen erreichen? Die Themenwoche ‚Zukunft der Arbeit’ ist da sicher ein guter Schritt. Sehen Sie eigentlich selber viel Fernsehen?

Koch: Nicht so viel. Meine Kinder gucken Netflix und sowas. Und wenn ich fernsehe – dann richtigen Trash. So Promi-Dings, Dschungelcamp und sowas. Aber nicht lange. Dann langweilt es mich irgendwann und dann lande ich immer bei Arte. Aber ich bin natürlich auch oft im Theater und gehe gerne ins Kino.

 

Welchen Kinofilm haben Sie zuletzt gesehen?

Koch: Ich hab zuletzt ‚Toni Erdmann’ geguckt, den ich sehr, sehr gerne mochte.

 

Thema ‚Schöner älter werden’? Was wünschen Sie sich dafür und planen Sie etwas?

Koch: Ich plane gar nix. Ich möchte, dass ich noch ein bisschen arbeiten kann. Rente würde mich wahnsinnig anöden. Ich sehe mich weiterhin im Beruf.

 

Mit 70 auch noch?

Koch: Ja, ja, mit 70 auch. Immer wieder auf die Bühne treten, das würde mir schon sehr gefallen. Und Rumreisen – auf jeden Fall.

 

Wo haben Sie Ihren Lebensmittelpunkt oder Ihr Zuhause? Eher in Frankfurt oder in der Bretagne (wo Koch ein kleines Ferienhaus besitzt – Anm. Red.)?

Koch: Mein Zuhause ist Frankfurt. Aber dieses Bretonische Häuschen ist dadurch, dass ich so viel unterwegs war, ein vermittelnder Punkt geworden, wo sich die Familie immer trifft. Ach, in Frankreich leben ist schon was. In Frankreich zu arbeiten, würde ich mir auch gut vorstellen können.

 

Weil das französische Kino ein bisschen skurriler ist als das deutsche?

Koch: Ja. Sehr skurril. Das französische Theater finde ich nicht so spannend – aber den französischen Film. Irgendwann zu sagen ‚in zwei Jahren bin ich in Rente’, würde für mich auf jeden Fall nicht in Frage kommen. Lieber würde ich weiter Theater spielen. Oder – vielleicht zusammen mit ein paar Leuten ein Theater leiten. Das hätte schon was. Vielleicht kriegt man ja irgendwann mal ne Bude angeboten. Irgendwo. Sich die Plakate zu überlegen und gucken, dass man da auch schöne Kinofilme zeigt und schöne Parties macht – da hätte ich schon Lust zu. Als einen großen, energetischen Auftrag.