Ich geh unter!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Woche später. Heute werde ich meinem Jugend-Trauma wieder begegnen: dem Kellnern. Und das bei 30 Grad auf der Dachterrasse von Blockbräu, wo jetzt im Sommer gefühlt Millionen von Touristen anlanden, um beim Pötte-Gucken Bierhumpen zu leeren.

Die Vorstellung ist schlimm, schlimm, schlimm, aber nicht wegen Bier und Blockbräu. Als Gast wäre ich beglückt. Aber: Ich leide unter phlegmatischer Dyskalkulie, das heißt im fixen Kopfrechnen bin ich ne Null. Und als Mädchen habe ich deshalb mal einen Sommerjob als Kellnerin nach nur einem Tag verzweifelt hingeschmissen. In dieses Grauen werde ich also jetzt, als 50-Jährige, zurückkatapultiert.

Tagelang mache ich mich fertig, denke mir schlimme Szenarien aus. Aber als ich am besagten Freitagnachmittag um 16 Uhr auf der Dachterrasse ankomme, erzählt mir mein türkischer Schichtleiter lächelnd, dass ich nur mit einer Kellnerin mitlaufen und ihr helfen soll. Kein Rechnen also.

Nur Kellnern und Biere herumtragen – das schaff ich! Beschwingt albere ich mit Sophie, meiner Anweiserin, und mit dem Team, unter denen es Leute mit urugaiischen, ukrainischen, indischen, algerischen, griechischen Wurzeln gibt (insgesamt 20 Nationalitäten) und die alle total sympathisch, hübsch und irre jung sind. Die Stimmung ist entspannt.

Nur doof, dass um 17 Uhr plötzlich die Menschenmassen einfallen. Die Frauen verlangen vor allem nach Alster und Aperol Sprizz. Viele Männer schütten trotz derber Hitze Bier, Weizen und noch mehr Bier in sich hinein. Und hecheln den jungen Deerns in ihrem Kellnerinnen-Outfit nach. Wie schön, diesen Typen mit einem strengen „So, meine Herren, jetzt aber mal Platz machen, zack, zack!“ Feuer unterm Hinter machen zu können. Als Kellnerin hat man irgendwie auch Macht.

Schön auch, am Tresen zu lauern, bis die zwei Zapfer die Bons mit Bestellungen abgearbeitet haben. Ich schaffe es sogar, die kleinen Tabletts mit etlichen Gläsern unfallfrei zu den Tischen zu balancieren. Jetzt bloß nicht stürzen, wäre das peinlich!

Sophie nickt mir zu. Gut gemacht. Sie kellnert schon seit drei Jahren bei Blockbräu, mit 8- bis 10-Stunden-Schichten ist sie Vollprofi. Als ich sie frage, was danach am meisten schmerzt, antwortet sie trocken: „Naja, Knie, Hüfte tun weh, ich habe einen Fersensporn und einen beginnenden Bandscheibenvorfall.“ Und heute kommt sicher noch ein Hitzestich dazu, denke ich. Aber Sophie grinst nur und

hetzt gutgelaunt zum nächsten Gast.

Und ich immer hinterher: Tisch abwischen, Aschenbecher säubern, Bierdeckel hübsch drapieren. Und danach zurück zum Tresen und den zwei Zapfern Dampf machen.

 „Gitta, in einer Stunde übernimmst du

den Tresen“, sagt Hussein. Ich nicke begeistert. Zapfen find ich gut. Kann ich, glaub ich. Aber vorher muss ich noch mein volles Tablett zu Elvis tragen. Wie lustig sieht der bitte aus und erst die Jungs in schlimmem Rosé-Tüll, die Junggesellen-abschied feiern?

Jetzt bepacke ich die Tabletts im Sekundentakt und versuche auf dem Plan zu ersehen, wo ich zwischen den 75 Tischen auf der Terrasse Tisch 307 finde? Und die 350? Dauernd muss ich die anderen fragen und stören. Aber sie bleiben entspannt, trotz Hyperstress und der immer betrunken werdenden Männer. 8,50 Euro Stundenlohn für Ackern bei Mörderhitze ist nicht besonders gut bezahlt, finde ich und wasche meine klebrigen Hände.

Da winkt mich Edison aus Uruguay zu sich hinter den Tresen. Endlich Schatten, wie angenehm! Oder? Denn mittlerweile ist Zapfen im Sekundentakt angesagt. Die Bons werden unerbittlich aus einem kleinen Kasten ausgespuckt und wir arbeiten auf Volldampf die Bestellungen ab. Pils kann ich gut, aber Weizen ist fies sprudelig. Das dauert zu lange. Plötzlich sehen mich die Kellner und Kellnerinnen genervt an, um endlich ihre Tabletts wegschleppen zu können. Und schon dreht sich alles.

18.30 Uhr. Die Schlagzahl zieht an und ich verstumme, um zack, zack, zack zu zapfen. Fieser Stressmacher ist der maulige Ruf der Kellner „Gitta, ich brauch Schaum! Schaahaum!“ Ich übersetze es als: „Setzen Sechs.“ Die gefühlt 20 Kellnerinnen rennen mit Tabletts zu den Gästen, auf denen sich turmhoch Backfisch mit Kartoffelsalat (Top1 der Sommer-Renner laut stellvertretendem Küchenleiter Alexander) und Brezelburger (Top2 von Eugen Block direkt ergedacht) stapeln. Duftet das! „Boah, ich hab Hunger“, flüstere ich dem indischen Tresenmann zu, der seine Schicht neben mir angetreten hat und die Ruhe selbst scheint. Er lächelt so zauberhaft und entspannt, dass ich mich an mein verschüttetes Mantra erinnere: „Ich bin gelassen und ganz bei mir.“

Deshalb mache ich nach fünf Stunden einfach Schluss und traue mich, beim Schichtleiter den Weicheier -Spruch zu bringen: „Ich bin Autorin – hol mich hier raus!“ Mit großem Respekt sehe ich noch einmal in Sophies Richtung, bis sie ins hektische Geschehen taucht und spüre meine schmerzenden Füße – trotz extrabequemer Turnschuhe. Sogar in der Nacht sucht mich Blockbräu noch einmal auf. Ich träume vom Zapfen: „Drei Kleine, ein Weizen, eine Cola. Gitta, ich brauch Schaahaum!“

Mein Resümee: Ich bin kein Crack im Multitasking. Und?! Die Kellnerinnen und Tresenleute bewundere ich für ihre Stressresistenz – wie auch immer die das machen. Und meine Hochachtung gebührt Müttern, vor allem denen mit Jungs. Ich knie vor euch nieder!   



Murtaza hat's geschafft: Eine Lehrstelle

Murtaza hatte viele vage Ideen davon, was er werden wollte. Dem Hauptschüler aus Hamburg fehlte aber ein konkreter Plan. Hier setzte die schulische Berufsorientierung an. Nach und nach festigte sich nicht nur Murtazas Selbstvertrauen, auch das Bild von seiner Zukunft wurde immer schärfer. Heute
ist der 18-Jährige glücklicher Lehrling in einem Hotel. Sein Beispiel zeigt, wie der Bund und das Land Hamburg den Berufsorientierungsprozess und den Übergang erfolgreich neu strukturieren.


„Herzlich Willkommen“, empfängt Murtaza Cönkel freundlich die zwei jungen Gäste, die spätabends an die
Rezeption des A&O-Hotels gestolpert kommen. Sie hätten ihren Zug verpasst, stammeln sie. Der 18-jährige Azubi nickt mitfühlend, fragt die Gäste höflich nach ihren Namen, sucht im Computer nach der Buchung und checkt die Spätankömmlinge routiniert ein. „Das Frühstück gibt es bei uns morgens von sechs bis zehn Uhr im ersten Stock“, sagt Murtaza, als er den Gästen den Schlüssel überreicht. „Aber jetzt liegt wohl erstmal
Nachtleben an, oder?“, fügt er lächelnd hinzu. „Sie müssen ja nur herausgehen und schon stehen Sie auf der Hamburger Reeperbahn.“
Kaum zu glauben, dass dieser aufgeschlossene, junge Mann noch vor drei Jahren ein Problemschüler war. Einer, der permanent schwänzte oder die Nerven seiner Lehrer/innen in der Max-Schmeling-Stadtteilschule in
Hamburg-Jenfeld strapazierte. Dass Murtaza eine Lehrstelle bekommen würde, hätte damals wohl kaum jemand gedacht. „Ich war früher wirklich kein besonders braver Junge“, gibt der heute 18-Jährige zu und macht eine entschuldigende Geste. „Selbst von meinen Eltern ließ ich mir damals nichts sagen. Sie gaben mich irgendwann auf“, erzählt der Azubi und bedauert, dass
er von ihnen deshalb auch keinerlei Unterstützung beim Lernen oder seiner Berufswahl erhielt.

„Eigentlich war Murtaza ein feiner Kerl“, erinnert sich sein früherer Klassenlehrer Frank Habben. „Aber als ich ihn von der 7. bis 9. Klasse unterrichtete, war Murtaza,
wenn ich das mal so ausdrücken darf, komplett verpeilt. Er hatte keine Lust mehr auf Schule, kam dauernd zu spät oder vergaß seine Hausaufgaben und Unterlagen. Außerdem hatte der Junge in den Stunden große Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren.“ Dabei fehlte es
Murtaza eigentlich nicht an Potenzial, fand Lehrer Frank Habben damals. Er brauchte nur dringend Unterstützung,
um seinen Weg zu finden.
Unterstützung bekam Murtaza durch die beteiligten Akteure/innen der Initiative Bildungsketten. Diese wurde 2010 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ins Leben gerufen, um
Jugendliche wie

 Murtaza während der Schulzeit dabei

zu unterstützen, den Schulabschluss zu schaffen und ihnen darüber hinaus eine frühzeitige Berufsorientierung zu geben.

Alle Bundesländer waren von Anfang an in der Initiative Bildungsketten einbezogen (² siehe auch S. 6). und
strukturierten bzw. strukturieren die Berufsorientierung und den Übergangsbereich neu.

Hamburgs Bürgerschaft beschloss im Februar 2011 eine umwälzende Schulreform, die die Zusammenlegung
von Haupt-, Real- und Förderschulen in Stadtteilschulen zum Inhalt hatte und die Inklusion zum wichtigen Ziel erklärte. Herzstück der reformierten Berufs-orientierung ist die bundesweit vorbildliche Jugendberufsagentur (JBA) in Hamburg, unter deren Dach Agentur für Arbeit, Jobcenter, Behörde für Schule und Berufsbildung, Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration sowie die Bezirksverwaltungen untergebracht sind und eng zusammenarbeiten.

Das Neue daran: Es gibt sieben Zweigstellen in jedem der Hamburger Bezirke, so dass Jugendliche unter 25 Jahren die wichtigsten Institutionen
rund um Schule und Beruf unter einem Dach finden. Auf der anderen Seite können auch die JBA-Mitarbeiter/
innen Fragen rund um den Jugendlichen schnell und unbürokratisch klären – sozusagen beim Kaffee auf dem Flur. Viele der JBA-Mitarbeiter/innen kennen
sich ohnehin aus den so genannten BOSO-Teams (Berufs- und Studien-orientierung), die nun an allen 59
Hamburger Stadtteilschulen fest installiert sind und als direkte Brücke zu den JBAs fungieren (² siehe auch S. 18).
Um das Dickicht der vielen Übergangs-angebote und Warteschleifen zu lichten, strich Hamburg außerdem viele Maßnahmen für Jugendliche ohne Ausbildungsreife und Lehrstelle. Für diese Jungen und Mädchen, die noch gar nicht wissen, was sie wollen, gibt es heute AV Dual (Ausbildungsvorbereitung Dual). Und
für Jugendliche, die zwar eine begründete Berufswahlentscheidung getroffen haben, aber nach mehreren Bewerbungen erfolglos blieben, gibt es die Möglichkeit
der Berufsqualifizierung (BQ).
Potenzialanalyse: Stärken herausfinden
Doch zurück zu Murtaza und seiner Geschichte. Als er die 8. Klasse besuchte, gab es BOSO-Teams und Jugendberufs-agentur zwar noch nicht, aber der Junge kam in den Genuss eines wichtigen Bestandteils der Bildungsketten:
der Potenzialanalyse (PA). Diese Kompetenzfeststellung wurde von einem externen Bildungsträger außerhalb der Schule durchgeführt, damit Murtaza und seine Mitschüler/innen an neutraler Stelle und ohne Notendruck herausfinden konnten, über welche Stärken und Schwächen sie verfügen. 

(...)