MANCHMAL HADERE ICH
MIT MEINEM SCHICKSAL,
ABER DA IST KEIN GROLL

Die Schulleiterin Diana Amann wurde auf dem Weg zur Arbeit von einem
Lastwagen überrollt. Auf dem Bürgersteig. Der Unfallfahrer ließ sie einfach liegen.

 

Es sind Sekunden, die entscheiden, dass so etwas Furchtbares geschehen kann. Wäre ich ein paar Sekunden später losgefahren oder früher, es wäre nichts gewesen. Oder hätte ich das Auto genommen, denn es regnete. Aber ich nahm das Rad. Am 17. Dezember 2015, kurz vor 7 fuhr ich auf dem Radweg Richtung Schule, als ich eine Autobahn-auffahrt passieren musste. Der Ein 40-Tonner neben mir auf der Straße fuhr in die gleiche Richtung, doch der Fahrer
übersah die Abbiegerspur zur Autobahn, riss das Lenkrad zur Seite, rumpelte über einen Bürgersteig zur Auffahrt und – erwischte mein Rad.
Als ich hinfiel, sah ich noch den riesigen Reifen auf mich zukommen
und wollte mich zur Seite retten, da rollte der LKW schon über mich rüber.


BLUT. ÜBERALL WAR BLUT. Mein rechtes Bein war zerfetzt bis zur Leiste. Zum Glück spürte ich nichts. Ich war vollkommen klar. Ich hatte nur einen Gedanken: Ich will nicht sterben! Nicht hier auf der Straße! Aber das Blut schoss aus meinem halb abgerissenen Bein. Ich brauchte unbedingt Hilfe. Schnell! Also
brüllte ich los – eine Art Urschrei.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie auf der anderen Straßenseite ein
Mercedes langsamer fuhr – ich erinnere mich sogar noch an das Kind auf dem Beifahrersitz, und dass der Fahrer sein Handy ans Ohr hielt. Er verständigte den Notarzt. Kurz darauf hielt ein Transporter und die zwei Fahrer versuchten fieberhaft, mich zu beruhigen und meine Blutung zu stillen, bis der Rettungswagen heran raste. Wäre der nicht so schnell gewesen und das Krankenhaus nicht so nah – ich wäre wahrscheinlich gestorben. Verblutet. Doch ich kämpfte mit all meinen Kräften ums Überleben.
Der LKW-Fahrer muss in Richtung Norden gefahren sein und verschwand für immer. Wobei die Polizei ihn vielleicht ermittelt hätte, wenn sie an die Daten für die nächste Mautstelle gekommen wäre. Doch die Stadt Hamburg blieb hart und verweigerte die Herausgabe. Da hätte auch ein Mord geschehen können. Die machen das nicht. So ist das Gesetz und basta. Als ich das hörte, wurde ich wütend. Aber was brachte das schon? Der LKW-Fahrer ist und bleibt unauffindbar. Drei Monate lang hat die Polizei wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Fahrer zu fassen. Erfolglos.
Ich hab dem nicht verziehen. Aber der interessiert mich auch nicht. Der ist Luft für mich. Wäre ich wütend auf ihn, würde ich mich auf die gleiche Stufe stellen wie er. Das möchte ich nicht. Ich will mit dem Typen nichts zu tun haben. Ich hätte ihn auch nicht sehen wollen, wenn es zu einem Gerichtsverfahren
gekommen wäre. Der existiert einfach nicht für mich. Keine Ahnung, ob ich da eine Blockade habe. Die Psychologin, die im Krankenhaus mit mir sprach, meinte, die Verdrängung sei die gesunde Reaktion einer gesunden Psyche. Und unsere Schulpsychologin faszinierte meine Resilienz – also die Selbsterhaltungs-kräfte, die mich sogar gestärkt aus dem Unglück hervorgehen ließen. Die Wut hat mir wohl mein Mann abgenommen. Er war damals unglaublich zornig auf den Unfallfahrer, der mich einfach liegen ließ. Auch mein Sohn David, damals 25, war fassungslos. Alle meine Freunde waren sauer auf diesen Menschen. Ich selbst hatte keine Kraft dafür.
Für mich zählte, überlebt zu haben. Und dieses Gefühl trägt mich bis heute. In den sechs Monaten, die ich im Krankenhaus verbrachte, erlebte ich solch eine Welle der Liebe. Mein Mann und mein Sohn kochten mir jeden Tag leckere Drei-Gänge-Menüs, weil sie fanden, dass ich mit der Krankenhausküche nicht zu Kräften komme. Außerdem reisten meine gesamte Familie und meine besten Freunde vom Bodensee an, um mir beizustehen. In so einem Moment erkennt man wirklich, wie wichtig Familie und gute Freunde sind.
Auch mein gesamtes berufliches Umfeld – die Lehrerkollegen, Eltern und Schüler – überhäuften mich mit Blumen, Büchern, Briefen und Videobotschaften, in denen sie mir gute Besserung wünschten. Selbst meine zwei Ersthelfer und die Krankenwagen-Fahrer kamen vorbei. Sie waren so erleichtert, dass es mir gut ging. Das hat mich wirklich tief gerührt und mir sehr gut getan. Und es versöhnte mich. Vielleicht sogar ein bisschen mit dem, der da über mich rübergefahren war. Ich kann sogar nachvollziehen, dass
jemand nach so einem Unfall abhaut. Natürlich gibt es da einen instinktiven Fluchtreflex. Nur, dann wäre es doch anständig, umzukehren und zu sagen: Ich war’s. Denn da muss doch so etwas wie ein Schuldgefühl sein. Und Reue.

Aber ich empfinde keinen Groll.
Trotzdem gab es auch dunkle Momente, in denen ich verzweifelt war und tiefe Trauer empfand. Ein Teil von mir war schließlich gestorben. Die Ärzte mussten mir an jenem Morgen das rechte Bein am Oberschenkel in einer Not-OP
amputieren. Plötzlich war ich behindert – dabei war ich immer kerngesund und sportlich gewesen, hatte Yoga und Pilates geliebt.
Ich mochte meine beiden Beine früher sehr und genoss, mich schick zu machen, kurze Röcke zu tragen oder auch mal High-Heels. Damit war nun Schluss. Ich sah auf einen hässlichen Stumpf und musste weinen. In einem dieser Momente
sagte David mal zu mir: ‚Mama – dann muss du dich jetzt auf die
wirklich wichtigen Dinge im Leben konzentrieren.’ Zuerst war ich sauer
über seinen Spruch. Fand er, dass ich oberflächlich bin? Viel später begriff ich, dass mein Sohn etwas sehr Kluges gesagt hatte. Denn tatsächlich bin ich durch diese Todes-Erfahrung – und nichts anderes war es – wirklich eine Andere geworden. Ich besinne mich mehr und lebe bewusster. Das klingt vielleicht abgegriffen, aber es ist wirklich so, dass ich heute den Tag und die Stunde intensiver lebe, weil ich diese Extrem-Erfahrung gemacht hat. Da ist kein Platz für Wut.
ICH BIN EINFACH NUR GLÜCKLICH, überlebt zu haben. Aber klar: Mir fehlt jetzt ein Bein. Und das ist wirklich furchtbar. Es hat Monate gedauert, bis ich es schaffte, meinen Kleiderschrank auszumisten. Ich habe alles noch einmal angesehen und dann die Kleidchen, Miniröcke und Absatzschuhe in einen Sack gesteckt und weggeschmissen. Das musste sein. Es ist wichtig, die Vergangenheit auszuräumen. Ich sehe nach vorne. Schon im Krankenhaus habe ich meinen Führerschein neu gemacht, weil ich ja nur noch das linke Bein zum Schalten und Bremsen habe. Ich bin auch sehr früh – noch auf Krücken – in die Schule gehumpelt, um eine Lehrerkonferenz zu leiten. Ich wollte nicht lange nachdenken und Angst bekommen, mich zu zeigen. Aber ich fragte mich natürlich: Wie reagieren die anderen auf mich? Die wissen ja nicht, wie sie mit mir umgehen sollen. Da musste ich dann selber stark sein und den Kollegen sagen – behandelt mich bitte ganz normal wie vor meinem Unfall. Bloß kein
Mitleid!

Was mir heute nach wie vor zu schaffen macht, sind öffentliche Auftritte. Weil ich ständig denke: Sieht das jetzt jeder? Laufe ich komisch? Was denken die Leute über mich? SELBSTSICHER AUFZUTRETEN – das musste ich anfangs auch vor den Schülern hinkriegen. Schüler sind ja sehr ehrlich. Also habe ich alle zu mir gerufen und ihnen meine Prothese gezeigt. Die Schüler fanden das spannend – ich bin ja jetzt ein halber Cyborg. Von denen achtet heute keiner mehr darauf. Ich hadere manchmal schon mit meinem Schicksal. Vor allem nachts, wenn ich im Bett liege und das Unterbewusstsein arbeitet. Dann steigt manchmal so ein Panikgefühl hoch, weil ich mich hilflos fühle. Ich, die immer so elbstständig war und niemanden brauchte.

Vielleicht entwickele ich deshalb eher Wut gegen mich selbst, wenn ich etwas nicht schaffe. Und ich treibe mich dann selbst an. Im letzten Urlaub bezwang ich trotz Prothese 500  Höhenmeter und stand auf dem Gipfel. Ich muss mir
beweisen, dass es noch geht.
Ich bin sogar schon wieder Fahrrad gefahren. Und ich komme täglich an der Unfallstelle vorbei. Das macht mir interessanterweise nichts aus. Selbst, wenn neben mir ein 40-Tonner fährt – ist da nichts. Neulich allerdings, als ich wieder an der Stelle vorbeifuhr, sah ich, wie ein LKW genauso falsch abbog wie der damals. Da bin ich zusammengezuckt und dachte: Ist er das?! Aber ich weiß ja, dass das Quatsch ist.

Ich habe kein Gegenüber.