So geht kein Jugendlicher verloren

S C H W E R P U N K T T H E M A

 

Murtaza hatte viele vage Ideen davon, was er werden
wollte. Dem Hauptschüler aus Hamburg fehlte
aber ein konkreter Plan. Hier setzte die schulische
Berufsorientierung an. Nach und nach festigte sich
nicht nur Murtazas Selbstvertrauen, auch das Bild
von seiner Zukunft wurde immer schärfer. Heute
ist der 18-Jährige glücklicher Lehrling in einem
Hotel. Sein Beispiel zeigt, wie der Bund und das
Land Hamburg den Berufsorientierungsprozess
und den Übergang erfolgreich neu strukturieren.
„Herzlich Willkommen“, empfängt Murtaza Cönkel
freundlich die zwei jungen Gäste, die spätabends an die
Rezeption des A&O-Hotels gestolpert kommen. Sie hätten
ihren Zug verpasst, stammeln sie. Der 18-jährige
Auszubildende nickt mitfühlend, fragt die Gäste höflich
nach ihren Namen, sucht im Computer nach der Buchung
und checkt die Spätankömmlinge routiniert ein.
„Das Frühstück gibt es bei uns morgens von sechs bis
zehn Uhr im ersten Stock“, sagt Murtaza, als er den Gästen
den Schlüssel überreicht. „Aber jetzt liegt wohl erstmal
Nachtleben an, oder?“, fügt er lächelnd hinzu. „Sie
müssen ja nur herausgehen und schon stehen Sie auf
der Hamburger Reeperbahn.“
Kaum zu glauben, dass dieser aufgeschlossene, junge
Mann noch vor drei Jahren ein Problemschüler war.
Einer, der permanent schwänzte oder die Nerven seiner
Lehrer/innen in der Max-Schmeling-Stadtteilschule in
Hamburg-Jenfeld strapazierte. Dass Murtaza eine Lehrstelle
bekommen würde, hätte damals wohl kaum
jemand gedacht. „Ich war früher wirklich kein besonders
braver Junge“, gibt der heute 18-Jährige zu und
macht eine entschuldigende Geste. „Selbst von meinen
Eltern ließ ich mir damals nichts sagen. Sie gaben mich
irgendwann auf“, erzählt der Azubi und bedauert, dass
er von ihnen deshalb auch keinerlei Unterstützungbeim

Lernen oder bei seiner Berufswahl erhielt. „Eigentlich
war Murtaza ein feiner Kerl“, erinnert sich sein früherer
Klassenlehrer Frank Habben. „Aber als ich ihn
von der 7. bis 9. Klasse unterrichtete, war Murtaza,
wenn ich das mal so ausdrücken darf, komplett verpeilt.
Er hatte keine Lust mehr auf Schule, kam dauernd
zu spät oder vergaß seine Hausaufgaben und Unterlagen.
Außerdem hatte der Junge in den Stunden große
Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren.“ Dabei fehlte es
Murtaza eigentlich nicht an Potenzial, fand Lehrer
Frank Habben damals. Er brauchte nur dringend Unterstützung,
um seinen Weg zu finden.
Unterstützung bekam Murtaza durch die beteiligten
Akteure/innen der Initiative Bildungsketten. Diese
wurde 2010 vom Bundesministerium für Bildung und
Forschung (BMBF) ins Leben gerufen, um Jugendliche
wie Murtaza während der Schulzeit dabei zu unterstützen,
den Schulabschluss zu schaffen und ihnen darüber
hinaus eine frühzeitige Berufsorientierung zu geben.
Alle Bundesländer waren von Anfang an in der Initiative
Bildungsketten einbezogen (² siehe auch S. 6). und
strukturierten bzw. strukturieren die Berufsorientierung
und den Übergangsbereich neu.
Hamburgs Bürgerschaft beschloss im Februar 2011
eine umwälzende Schulreform, die die Zusammenlegung
von Haupt-, Real- und Förderschulen in Stadtteilschulen
zum Inhalt hatte und die Inklusion zum wichtigen
Ziel
erklärte. Herzstück der reformierten Berufsorientierung
ist die bundesweit vorbildliche Jugendberufsagentur
(JBA) in Hamburg, unter deren Dach Agentur für Arbeit,
Jobcenter, Behörde für Schule und Berufsbildung, Behörde
für Arbeit, Soziales, Familie und Integration sowie
die Bezirksverwaltungen untergebracht sind und eng
zusammenarbeiten. Das Neue daran: Es gibt sieben
Zweigstellen in jedem der Hamburger Bezirke, so dass
Jugendliche unter 25 Jahren die wichtigsten Institutionen
rund um Schule und Beruf unter einem Dach finden.
Auf der anderen Seite können auch die JBA-Mitarbeiter/
innen Fragen rund um den Jugendlichen schnell (...)