Plötzlich war er nicht mehr da

„Ich habe ein altes und ein

 

neues Leben“

Eveline Lehnert (60), freiberufliche Unternehmensberaterin aus Neustadt

 

 

 

„Ich habe mit Roland mein halbes Leben verbracht und ihn geliebt. Wir planten schon unseren 20. Hochzeitstag. Doch dann erkrankte er plötzlich, mit nur 56 Jahren, an einer Streptokokken-Vergiftung. Am 9. Dezember 2004 starb mein Mann.

 

Ich habe noch genau unseren letzten Abend zu Hause in Erinnerung. Es war ein Mittwoch, ich hatte ein Wildgericht gezaubert und wir genossen das Essen, lachten miteinander, es war so harmonisch. Nur 24 Stunden später lag Roland apatisch im Krankenhaus und wachte nicht mehr auf.

 

Am schlimmsten waren für mich die ersten zwei Monate nach seinem Tod. Mein Schmerz war so heftig, dass ich mich wie in einem Tunnel bewegte. Aber ich musste die Trauerfeier für 200 Leute organisieren. Ich frage mich, wie ich das geschafft habe. Und wie ich es aushielt, dass einige die Nase rümpften, weil ich auf einen Pastor und schwarze Kleidung verzichtet hatte. Ich war wohl zu kraftlos, um zu erklären, dass Roland ein humorvoller Mann gewesen war, der Schwarz nicht gemocht hätte.

 

Alles in mir sehnte sich nach Ruhe. Ich wollte nicht mehr reden, wollte auch nicht mehr stark sein und ich fürchtete mich vor Weihnachten ohne Roland. Die Einladung von schwedischen Freunden war meine Rettung. Dort konnte ich einfach sein, schlafen, weinen. Sie waren da, wenn ich Trost brauchte. Ich blieb für drei Monate, bis ich wieder klar denken konnte und beschloss: Ich möchte mich nicht in der Vergangenheit vergraben, sondern noch Freude am Leben haben. Und das konnte ich nicht in dem Haus, in dem mich alles an Roland erinnerte. Also verkaufte ich es, zog um, verkaufte auch die gemeinsame Firma und arbeitete von nun an freiberuflich. Zuerst schüttete ich mich mit Arbeit zu, bis ich die Bremse zog. Ich wollte doch leben. Und vielleicht mal wieder ausgehen? Meine Freundinnen nahmen mich mit zur Travemünder Woche und gaben mir Flirttipps. Aber ich war total unsicher. Übers Internet fiel es mir leichter, mit einem Mann ins Gespräch zu kommen. Auf diese Weise fand ich Ende 2006, zwei Jahre nach Rolands Tod, Wolfgang – ebenfalls ein Witwer. Wolfgang ist mein neues Leben. Er macht mich glücklich. Vor fünf Jahren heirateten wir und gerade bauen wir ein gemeinsames Zuhause an der Ostsee.“

 

„Ich war dazu gezwungen, stark und selbstständig zu sein“

Manuela Schwartz, 39, zwei Kinder, Sachbearbeiterin aus Rheda

 

„Ich war 17, als wir uns kennen lernten. Horst schon 30. Aber ich verliebte mich trotzdem Hals über Kopf in ihn. Er war viel spannender und intelligenter als die Jungen in meinem Alter. Nach unserer Heirat wurde ich schnell schwanger und brach die Schule ab. Ich dachte mir damals nichts dabei. Horst sorgte ja für uns. Er war mein Traummann. Und ich freute mich, als ich unser zweites Kind erwartete. Malte mir schon aus, dass wir bald zu viert sein würden.

Unsere Zukunft zerbrach am 21. Juni 1994. Wir hatten gestritten. Leider. Ich warf Horst vor, dass ich unseren Umzug fast allein organisieren musste, obwohl ich schwanger war. Er widersprach mir und verließ wütend die Wohnung. Kurz darauf hörte ich ein schreckliches Krachen. Ein Krachen, das ich lange nicht vergessen konnte. Horst war gedankenverloren auf die Straße gelaufen und ein Autofahrer konnte nicht mehr ausweichen. Es war furchtbar, ihn zu finden. Noch in der Nacht starb Horst und ich stand komplett unter Schock. Zum Glück konnte ich einige Tage lang mit meinem Jungen zu meiner Mutter ziehen. Sie war auch dabei, als meine Tochter sechs Wochen zu früh zur Welt kam – im November 1994. Die Kleine würde ihren Vater nie kennen lernen – wie unendlich traurig! Aber ich hatte damals nicht die Zeit, um zu trauern oder zu verzweifeln. Ich musste für die Kinder da sein. Und mich mit den Behörden auseinander setzen. Denn als Witwe ohne Ausbildung und Job war ich zum Sozialfall geworden. Meine vier besten Freundinnen waren damals für mich da. Sie bestärkten mich auch in meinem Entschluss, mein Abitur nachzumachen und eine Ausbildung zu beginnen. Das war vielleicht das einzig Gute an dem Tod von Horst. Ich wurde selbstständiger. Und mit der Stelle als Sachbearbeiterin konnte ich auch die Familie versorgen. Aber ich vermisste meinen Mann jeden Tag und jede Stunde.

Außerdem war da noch der Streit mit Horst, der mich quälte. Ich konnte ihm ja nicht mehr sagen, dass es mir leid tat. Es klingt vielleicht merkwürdig, aber dieses Problem löste ich im Schlaf. Ich träumte mehrmals intensiv von Horst und versöhnte mich mit ihm. Als ich danach aufwachte, fühlte ich mich seltsam erleichtert.

Nach etwa drei Jahren und zwei kurzen Beziehungen wollte ich mir aber auch professionell helfen lassen. Dank meiner Therapeutin fand ich heraus, dass ich seit Horsts Tod unter Verlassensängsten leide – daher auch meine Probleme mit den Männern. Es tat gut, noch einmal mit ihr über den Unfall und meinen Schock zu reden. Und es war wichtig, am Ende der Therapie mit der Vergangenheit abzuschließen. Deshalb bin ich heute wieder in der Lage, meine Gegenwart zu genießen und neue Pläne zu schmieden. Ich bin gespannt, was mir die Zukunft noch bringt.“