Villa Kunterbunt – faszinierender Besuch im  Essener „Unperfekthaus“

Links: Schreiberlings Werkstatt   Mitte: Mäzen Reinhard Wiesemann            Rechts: Totenkopf-Kunst

Ein hohes Gebäude im Essener
Norden. Arbeiterviertel,
schrammelige Schmucklosigkeit.
Ruhrpott eben. Die Gegend hat viele Narben, es herrscht der Charme von Vergänglichkeit. Ganz früher stand hier ein altes Franziskanerkloster.
Heute ist hinter der verspiegelten
60er-Jahre-Fassade davon nichts mehr zu sehen. Über dem Eingang prangt der Schriftzug UnPerfekthaus. Krakelig fast, gelb, einladend.

Fünf Etagen, 4000 Quadratmeter.
Treffpunkt für Kreative, Tummelplatz
netter, schräger Leute, die ihre
Ideen ausleben wollen. Viele haben lange darauf gewartet. Manche ein Leben lang. Auch auf einen wie Reinhard Wiesemann.
Er ist ein erfolgreicher Unternehmer, er hat diese Räume der Träume geschaffen. Seine Philosophie: Kreativität entsteht am besten dort, wo nicht alles perfekt ist. Daher
der Name des Hauses. Er gibt Ideen Raum, hilft Menschen, sich zu verwirklichen. Sprudelnde Brutstätten, schützende Nester.
Fehler erlaubt, zaghafte Grobentwürfe, mit heiterem Mut zur Lücke. Nette Aha-Effekte. Einfach leben, einfach mal anders sein. Menschen, die das wollen, können
sich für wenig Geld einmieten. Besucher zahlen Eintritt, wenn sie sich Anregungen holen wollen. Das Konzept geht perfekt auf. enorm hat sich einen Tag lang davon
überzeugt.

9.15 Uhr Noch liegen die kreativen Freiräume ziemlich ungenützt da. Das Café im Erdgeschoss des Hauses ist beinahe menschenleer. Von der Industriedecke baumeln vergoldete Hammer, Meißel und Schrauben-zieher herab. „Heute Beicht-
Gelegenheit in der Sakraments-Kapelle“ steht am Eingang. Das Kloster ist überall. Auch der Hang zum Bekehren?
10.13 Uhr Es geht schon los. Eine junge Frau lobt die tolle, produktive und einzigartige Umgebung des Hauses. Sie ähnelt Sängerin
Jamie-Lee vom Grand Prix. Cornelia
Sabo redet viel, dabei hämmert sie gnadenlos auf ihr Tablet auf dem Frühstückstisch ein. „Das hier gönne ich mir alle zwei Wochen“, sagt sie. Sie gibt in unregelmäßigen Abständen Zumbakurse für Flüchtlinge in einem der Event-Räume. Die 25-Jährige lächelt, dann widmet sie sich wieder ihrem
Fantasy-Videospiel. Später beginnt sie damit, Bewerbungen zu schreiben. „Ich suche was als Ökotrophologin“, sagt sie. „Hauptsache, ich kriege nichts in der Fleischverarbeitung.“ Cornelia ist Vegetarierin.

10.45 Uhr Auf dem Weg nach oben, vorbei an Graffities, Gartenkunst und Lichtinstallationen. Eine Tür steht offen, der Mann im Raum hat gerade keine Zeit zum Quatschen, weil er mitten im Shooting ist. „Das
ist so was Intimes, da möchte ich nicht, dass wir gestört werden. Ist das okay?“ fragt er. In einer Stunde hätte er Zeit, sein Modell nickt dankbar. Später erzählt Peter Knauf
aus seinem Leben. Er ist jetzt über sechzig, war früher Sozialarbeiter in Castrop-Rauxel. Mit der Fotografie erfüllt er sich gerade einen Lebenstraum. Frauen in ihrer
natürlichen Schönheit zu fotografieren. Das wollte er schon immer! „Mein Projekt heißt Menschenbilderfotografie“, sagt er. „Frauen finde ich irgendwie schöner
als Männer. Ich spreche sie einfach auf der Straße an, ob sie Lust hätten, mir Modell zu stehen.“ Dafür zahlt Knauf nichts, die Frauen erhalten als Lohn ein paar seiner Aufnahmen. Einige Portraits stellt er im Kaminzimmer aus. Er teilt sich das Atelier mit anderen Fotografen, die sich alle in einem Terminkalender eintragen, um Zeiten zu blocken. „Eigentlich klappt das immer ganz gut“, sagt er, „ nur neulich hat
einer was mit Federn gemacht und den ganzen Mist hier nicht weggeräumt. Das war scheiße.“ Zum Abschied bietet er einen Bonbon zum Wohlfühlen an.

12.19 Uhr Man schaut sich gern ins Gesicht. Lächelt zurück, guckt neugierig und fragend nach. Was hat der denn jetzt schon wieder vor? Wird das was Neues?

Auch geflirtet wird nicht zu knapp, sagt einer der Künstler. Kein Wunder, bei bis zu hundert Musikern, Wand-Tattoo-Sprayern, Game-Designern, Malern, Juwelieren, Jongleuren, Kalligraphen. Und einem fast gleichen Anteil von Frauen und Männern.

Sie alle mieten für 45 Euro pro Quartal nicht nur
ein günstiges Atelier oder einen Bürotisch, sondern stellen sich selbst wie in einer gut besuchten Galerie aus. Sogar für die PR-Flyer-Kosten jedes Kreativen übernimmt Mäzen Reinhard Wiesemann die Kosten.
Coworking-Leute und Gäste, die herumschlendern, Menschen kennenlernen und sich inspirieren lassen wollen, zahlen für Eintritt, Essen und Trinken. Die kleine Freiheit
ohne Alkoholische Getränke am Silberbändchen gibt’s für 24,90 Euro.
13.05 Uhr Das Künstlervolk wirkt locker, gelöst. Auch die vielen Start-up-Menschen in den Büro-Etagen, an den Getränke-Inseln, die überall im Haus als Orte der Begegnung dienen, zeigen sich ziemlich entspannt. Manche sitzen in Vierergruppen,
andere mit bis zu acht zusammen. Viele quasseln miteinander, lachen viel, sprudeln vor lauter und lauten Ideen. Firmen schicken ihre Manager hierher, damit sie neue Perpektiven kennenlernen. Dinge neu betrachten.
Neu bewerten, spüren, was wirklich
wichtig ist. Sollen die unverkrampfte
Atmosphäre aufsaugen, keine Spießer im Anzug sein. Diesen wunderbaren, bunten Kosmos von Reinhard Wiesemann schmecken.
Einfach mal nicht perfekt sein.
14.10 Uhr Wo waren gleich die Treffpunkte von „Spielend durchs Uph?“ Man kann es auf einem der Flyer nachlesen. „Vier gewinnt“
auf der Dachterrasse, Kickern im
Wintergarten, Tischtennis in der dritten Etage, Flippern im Erdgeschoss, Darts im Keller-Atelier. Keller klingt cool, Keller verspricht
ein wenig Abkühlung.
15.45 Uhr Hinter einer Tür steht ein braunes, abgewetztes Schreibpult. Es gehört zu Florian Eichhorn, der dort seine Visitenkarten mit Handy-Nummer ausgelegt hat. Er kann gerade nicht selbst da sein, weil er in einer Kneipe jobbt. Trotzdem ist ein
kleiner Blick erlaubt. Das Ganze nennt sich „Schreiberlings-Geschichten-Schmiede-Arbeitsplatz“,
an dem der Wortakrobat philosophisch-amüsante Sprüche ersinnt. Einige von ihnen sind großformatig im Haus zu finden. „Lesen gefährdet die Dummheit“,
steht irgendwo an der Wand.
16.10 Uhr Auch fremde Welten befinden sich im Keller. Oder Star-Wars-Nerds wie Scotty, er arbeitet in der „Werbwolfs Modellecke“. Er fertigt Roboter, Modelle und Lichtinstallationen an. Alles mit Enterprise-artigen Raumgleitern, Darth-Vader-
Accessoires oder „Steampunk“, was immer das auch sein mag. Wer mehr dazu erfahren möchte, kann einfach das Handy an Werbwolfs QR-Code halten. In jedem Fall ist der Typ ein echter Fan, der sich mit etlichen
Fantasy-Stars ablichten ließ. Fotos,
die jetzt voller Stolz über seinen Robotern und Raumschiffen hängen.
16.59 Uhr In welcher Etage übt der Jongleur? Zum Glück kennen die Kreativen einander, schicken dich Richtung Theater- oder Disco-Raum. Musik klingt heraus, aus den Vierzigern oder so ähnlich. Jongleur Felix Feldmann probt gerade für
seine neue Choreographie, die an Charlie Chaplin und seinen Moderne-Zeiten-Film erinnern soll. Er watschelt tatsächlich ein bisschen wie der Schauspieler, klimpert wie
er mit den Augen. Der 36-Jährige hat auf der berühmten Rotterdamer University for the Arts seine vierjährige Ausbildung absolviert.
Er trat bereits vor der niedelän-dischen Königin Beatrix und Prinzessin Margriet auf. Er selbst redet nicht gern darüber, aber muss er auch nicht. Er ist Profi.

(...)

 

 

 

Reportage für das Wirtschafts- und Nachhaltigkeits-Magazin ENORM