Alle Hände voll zu tun

Abends wirst du garantiert
einen Schnaps brauchen“,
sagt meine Nachbarin. Kirsten
ist Mutter zweier toller Jungs, Joel (9)
und Johann (7 Monate), sie wird wissen
wovon sie spricht. Jedenfalls ist sie froh,
dass ich die Kinderparty für ihren Ältesten
ausrichten werde. Ausgerechnet ich werde
versuchen, sechs wilde Jungs zwischen 8
und 10 und ein 7-jährigen Mädchen zu
bespaßen. Ich, die Kinderlose. Warum ich
das mache? Weil es Stress pur ist. Darum!
Arbeitsministerin Ulrike Roth ist ja der
Meinung, das Multitasking nicht funktionieren
kann. Ich glaube aber, dass gerade
Frauen das bestens hinbekommen. Und
um das zu beweisen, setze ich mich gleich
zwei Stresstests aus. Denn nach der Kinderparty
wird es meine Aufgabe sein, an
einem Freitagabend im überfüllten Biergarten
„Blockbräu“ an den Hamburger
Landungsbrücken zu kellnern. Mein vom
Yoga inspirierter Masterplan: Statt abzusaufen
werde ich meine innere Mitte spüren
und das Mantra murmeln: „Ich bin
total gelassen. Nichts bringt mich aus der
Balance. Ooomh.“
AM D-DAY KINDERPARTY braue ich mir
um 7 Uhr sehr bewusst einen dampfenden
Kaffee und kraule tiefenentspannt meinen
Hund. Beim Blick durchs Küchenfenster in
den Garten denke ich allerdings: „Das
Fenster müsste dringend noch geputzt
werden!“ Und dann passiert’s: Der Stress-
Schalter klappt um. Die Gedankenfetzen
flirren, Ich-Muss-Sätze treiben meinen
Blutdruck in die Höhe. Schnell noch Küche
und Bad wischen, Terrasse fegen, Einkaufszettel
schreiben. Und im Netz Spiele für die
Party recherchieren. Gummitwist und
Topfschlagen oder sowas. Was muss ich
eigentlich einkaufen? Sprite, Fanta,
Maoam, Smarties, Minicornetto, Pommes,
Bratwurst, Konfetti, Girlanden. Zusätzlich
tickt meine innere Stoppuhr. Elf Uhr
schon, um 15 Uhr gehts es los …
Hitze, Schnaufen, Herzklopfen, Puls
auf 200, die Synapsen explodieren, aber es
klappt mit dem Multitasking. Der Tisch ist
gedeckt und dekoriert, die Spielaccessoires
sind im Wohnzimmer verteilt. Schnell
nochmal geduscht – da klingelt’s an der
Tür: Hallo Joel, Marcel, Xander, Kjell,
Konstantin, Jan-Kalle, Smilla.
Binnen Sekunden: Krakeelen, Toben,
Kreischen, noch mehr Toben – und ich im
Stress. Ratzfatz sind Maoams, Quarkbällchen
und Erdbeertorte vernichtet, die
Brausebecher ausgekippt und die Polster
der Stühle nass. Hoffentlich von der Brause.
Jetzt bloß nicht den Überblick verlieren.
„Hey guckt mal! Wir machen ein Spiel im
Wohnzimmer“, rufe ich. Topfschlagen?
Gummitwist? Die Kinder sind nicht überzeugt.
„Krieg der Sterne geht immer“, hat
Kirsten vorher zu mir gesagt. Mein Stresspegel
ist mittlerweile auf Anschlag. Jetzt
psychologisch schlau taktieren, bevor
Konstantin mit dem Laserschwert entwischt
und die Jungs hypnotisiert folgen.
„Ihr seid Helden“, sage ich, „und ihr
müsst Darth Vader aus den Fängen von
Tyrannosaurus Rex retten. Am besten im
Team (pädagogisch toller Ansatz), befreit
zuerst die Blaue Prinzessin.“ Smilla nölt:
„Ich will nicht die blöde Prinzessin sein!“
A Improvisieren, denke ich und ziehe den
blauen Rock der Prinzessin über.
Die Meute rennt durchs Wohnzimmer,
löst Aufgaben, grübelt über Rätsel, brüllt,
kreischt. Und tobt noch mehr. Ich muss die
wieder einfangen, denke ich, und mir noch
eine Aufgabe einfallen lassen. Da steht
Xander vor mir: „Ich mag keine Erdbeertorte.“
– „Dann isst du eben Eis, okay?“
Jan-Kalle lässt sein Glas fallen. „Macht
nichts“, beruhige ich ihn. Und mich.
DAS IST KEIN MULTITASKING, das ist Taktieren
auf höchstem Niveau. Jetzt schnell
zum Ende kommen, bevor meine Konzentration
komplett hin ist. Darth Vader ist
befreit, endlich dürfen die Kinder in den
Garten rennen. Draußen ist es schwül.
Genau das richtige Wetter für Wasserbomben,
finden die Jungs. Smilla ist getroffen
und klitschnass. Soll ich meckern oder den
Jungs freien Lauf lassen? Bam, bam, bam –
die Rosenbüsche sind so gut wie zerschossen,
die Fische im Teich aufgeschreckt. Ich
kann nicht mehr denken. Ey, Jungs!
Endlich 17 Uhr. Kirsten, meine Retterin,
kommt. Ich kann kaum sprechen,
nicke nur schwach, wenn sie Fragen stellt.
Jetzt noch Bratwürste und Pommes in die
johlenden Münder stopfen und durchhalten.
Als die Gartentür eineinhalb Stunden
zu spät zufällt, kehrt brüchige Ruhe ein.
Zwei Bier später zittere ich immerhin nicht
mehr, bin aber komplett verwirrt. Es fühlt
sich ungesund an. Ob Arbeitsmedizinerin Ulrike Rotz wohl tatsächlich Recht hat?


Eine Woche später: Zweiter Versuch.
Heute werde ich mich meinem Jugend-
Trauma stellen: und Kellnern. Und das bei
30 Grad auf der Dachterrasse des „Blockbräu“,
wo jetzt im Sommer gefühlt Millionen
von Touristen ankommen, um beim
Pötte-Gucken Bierhumpen zu leeren.
Die Vorstellung ist schlimm, schlimm,
schlimm, aber nicht wegen des Biers und
Blockbräus. Als Gast wäre ich beglückt.
Aber: Ich leide unter phlegmatischer Dyskalkulie.
Heißt: im fixen Kopfrechnen bin
ich ne Null. Als Mädchen habe ich deshalb
mal einen Sommerjob als Kellnerin nach
nur einem Tag verzweifelt hingeschmissen.
Dieses Grauen ist nun für mich, im Alter
von 50 Jahren, wieder allgegenwärtig.
Tagelang mache ich mich fertig, male
mir schlimme Szenarien aus. Aber als ich
am Freitagnachmittag um 16 Uhr auf der
Dachterrasse ankomme, erzählt mir mein
Schichtleiter Ali lächelnd, dass ich nur mit
einer Kellnerin mitlaufen soll, um ihr zu
soll. Damit habe ich nicht gerechnet.
NUR KELLNERN UND BIER tragen, das
schaffe ich! Beschwingt albere ich herum
mit Sophie, meiner Anweiserin, und mit
dem Team – insgesamt 20 Nationalitäten.
Und alle total sympathisch, hübsch und
irre jung. Die Stimmung ist entspannt.
Nur doof, dass um 17 Uhr plötzlich die
Menschenmassen einfallen. Die Frauen
bestellen vor allem Alsterwasser und
Aperol Sprizz. Viele Männer schütten trotz
derber Hitze Pils oder Weizen in sich hinein.
Und hecheln den jungen Deerns in
ihrem Kellnerinnen-Outfit nach. Wie
schön es ist, diesen Typen mit einem strengen
„So, meine Herren, jetzt aber mal Platz
machen, zack, zack!“ etwas Feuer unterm
Hinter machen zu können. Als Kellnerin
hat man irgendwie auch schon etwas
Macht. Schön auch, am Tresen zu lauern,
bis die zwei Zapfer die Bons mit Bestellungen
abgearbeitet haben. Ich schaffe es
sogar, die kleinen Tabletts mit etlichen
Gläsern unfallfrei zu den Tischen zu balancieren.
Stürzen wäre ganz schön peinlich!
Sophie nickt mir zu. Gut gemacht. Sie
kellnert schon seit drei Jahren im Blockbräu,
mit 8- bis 10-Stunden-Schichten ist
sie ein Vollprofi. Als ich sie frage, was nach
so einem Tag am meisten schmerzt, antwortet
sie trocken: „Naja, Knie und Hüfte
tun weh, ich habe einen Fersensporn und
da ist was mit meinen Bandscheiben ...“
Und heute kommt sicher noch ein Hitzestich
dazu, denke ich. Aber Sophie grinst
nur und hetzt gut gelaunt zum nächsten
Gast. Und ich hetze immer hinterher:
Tisch abwischen, Aschenbecher säubern,
Bierdeckel hübsch drapieren. Und danach
zurück zum Tresen und den Zapfern
Dampf machen.
„Gitta, in einer Stunde übernimmst du
den Tresen“, sagt Schichtleiter Ali. Ich
nicke und bin begeistert. Zapfen find ich
gut. Kann ich, glaub ich. Aber vorher muss
ich noch mein volles Tablett rüber zu Elvis
tragen. Wie lustig sieht der bitte aus, und
erst die Jungs in den schlimmen Rosé-Tüll,
die einen Junggesellenabschied feiern?
Inzwischen bepacke ich die Tabletts im
Sekundentakt und versuche auf dem Plan
zu ersehen, wo ich auf der Terrasse Tisch
Nummer 307 finde? Und 350? Dauernd
muss ich die anderen stören und fragen.
Aber sie bleiben entspannt, trotz Hyperstress
und der männlichen Gäste, die nun
immer betrunkener sind. Der Stundenlohn
von 8,50 Euro für das Ackern bei Mörderhitze
ist nicht besonders gut, finde ich, und
wasche meine klebrigen Hände.
Da winkt mich Edison aus Ecuador zu
sich hinter den Tresen. Endlich Schatten,
wie angenehm! Obwohl: Mittlerweile ist
Zapfen im Sekundentakt angesagt. Die
Bons werden unerbittlich aus einem kleinen
Kasten ausgespuckt und wir arbeiten
auf Volldampf die Bestellungen ab. Pils
kann ich gut, aber Weizen ist fies sprudelig.
Das dauert zu lange. Die Kollegen wollen
endlich ihre Tabletts wegschleppen können.
Inzwischen sehen sie mich genervt an.
Und schon dreht sich die Stimmung.
18.30 UHR. DIE SCHLAGZAHL zieht an und
ich verstumme, um zack, zack, zack zu
zapfen. Fieser Stressmacher ist das maulige
Rufen der Kellner „Gitta, ich brauch
Schaum! Schaahaum!“ Ich übersetze es als:
„Setzen, Sechs.“ Die gefühlt 20 Kellnerinnen
rennen mit Tabletts zu den Gästen, auf
denen sich turmhoch Backfisch mit Kartoffelsalat
und Brezelburger stapeln – die
beliebtesten Bestellungen, laut Alexander
aus der Küche. Duftet das! „Boah, ich hab
Hunger“, flüstere ich dem indischen Tresenmann
Sandeep zu, der seine Schicht
neben mir angetreten hat und anscheinend
die Ruhe selbst ist. Er lächelt so zauberhaft
und entspannt, dass ich mich an mein
verschüttetes Mantra erinnere: „Ich bin
gelassen und ganz bei mir.“
Deshalb mache ich auch nach fünf
Stunden einfach Schluss und traue mich,
bei Schichtleiter Ali den Weicheier-Spruch
zu bringen: „Ich bin Autorin – hol mich
hier raus!“ Mit großem Respekt sehe ich
noch einmal in Sophies Richtung, bis sie
wieder ins hektische Geschehen eintaucht.
Trotz extra bequemer Turnschuhe spüre
ich meine schmerzenden Füße.
Sogar in der Nacht sucht mich das
Blockbräu immer wieder auf. Ich träume
vom Zapfen und den Rufen der Kollegen:
„Drei Kleine, ein Weizen, eine Cola. Gitta,
ich brauch Schaahaum!“
Mein Resümee: Okay, ich habe es doch
nicht so mit dem Multitasking. Ich bewundere
die Kellnerinnen und Tresenleute für
ihre Stressresistenz – wie auch immer die
das machen. Und meine besondere Hochachtung
gebührt den Müttern, vor allem
denen von Jungs. Ich knie nieder vor euch!