Der Bremer Tatort „Echolot“ mit seinem Ermittler-Duo Inga Lürsen und Nils Stedefreund spielt in einer Firma, die an einem digitalen Assistenten arbeitet. Für den Caretrialog sprach Gitta Schröder mit den Tatort-Stars Sabine Postel und Oliver Mommsen.

 

 

 „Wir sind Sklaven unseres
eigenen Systems geworden“

 

 

 

Die zwei Bremer Tatort-Stars Sabine Postel (62) und Oliver Mommsen (47) über die teils gruselig, teils faszinierende Wirkung neuester Technik und den Sucht-Effekt des eigenen Handys.

 

 

 

Caretrialog: Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle und das Thema Digitalisierung vorbereitet?

 

 

 

Oliver Mommsen: Ich habe mir den Film „Her“ mit Joachim Phoenix in der Hauptrolle angesehen, der sich in die Stimme von Scarlett Johannsen verliebt – die Stimme seines neuen, intelligenten und fortlaufend dazu lernenden Betriebssystems. Und irgendwann am Ende des Films wird dem Filmhelden klar, dass die Frau, in die er sich gerade so verknallt hat, an unendlich vielen anderen Orten gleichzeitig sein kann. Das war mein Einstieg in unsere Geschichte vom Tatort. Diese Unendlichkeit der Welt. Dieses nicht auf den Moment, auf den Augenblick, auf das Hier, woran wir immer arbeiten. Sondern da ist plötzlich alles möglich. Das brachte mich in so ein Staunen, Schaudern, Bewundern. Und das ist etwas, wo wir als Ermittler reingeschubst werden, in dem Film ‚Echolot’.

 

Dennoch war am Set schon auffällig, dass vor allem die Jungs alle mit dem ganzen technischen Schnickschnack spielen wollten und geflasht davon waren. Vor allem dieses Gerät, auf das man sich stellt und dann nimmt ein Computer-animierter Avatar, deine Gestalt, Gestik, Mimik und Stimme an …

 

 

 

Sabine Postel: Ich hab neulich zufällig im Fernsehen gesehen, wie die Journalistin Pinar Atalay ausprobiert hat, 24 Stunden in virtuellen Welten zuzubringen. So eine Art Experiment. Unter ärztlicher Beobachtung, weil man nach einer gewissen Zeit sein Raumsinn verliert. Die haben ihr dann in diesem Experiment verschiedene Welten eingespielt. Zum Beispiel haben sie sie durch einen Wald spazieren lassen, damit ihr Kreislauf wieder auf Tour kam. Und haben sie sich an einen Bach setzen lassen, damit sie runterkam. Und dann konnte sie kickboxen, damit sie sich auch sportlich bewegen konnte. Das war höchstinteressant. Und als Pinar Atalay dann nach 24 Stunden wieder die Brille abnahm, sagte sie auch, ihr wäre jetzt ein bisschen anders.

 

Also: eine gewisse Gefahr birgt das sicher schon, wenn junge Menschen über einen längeren Zeitraum mit so einer Brille in eine Art Scheinwelt katapultieren lassen. Da kann sicherlich auch ein Abhängigkeitsverhältnis und Suchtverhalten entstehen.

 

Genau wie diese Facebook-Sachen. Bei Freunden von uns hat die Tochter ihr Handy verloren und sie war völlig hilflos, weil sie nicht mehr mit ihren 3500 Freunden vernetzt war. Nicht, dass sie mit ihren vier engsten Freundinnen zusammen sitzt, die ja körperlich da sind. Sondern es war ein großes Verlustgefühl, dass die anderen 1000 nicht da waren. Nicht kurzschließen zu können, wer wann wo da ist.

 

Die posten ja auch in einer Tour Fotos von was weiß ich, dem Frühstücksei oder was gerade da ist oder vom Schlafanzug.

 

Das können wir ja alle nicht mehr aufhalten, aber das ist schon beängstigend.

 

 

 

Mommsen: Aber ne Verteufelung dieser ganzen Tools oder Möglichkeiten ist auch falsch. Wir müssen allerdings lernen, damit umzugehen.

 

 

 

Sabine Postel: Klar – man kann sich Facebook und sowas nicht verschließen. Aber man kann sich verweigern. Also ich verweigere mich zum Beispiel Facebook, weil ich mich nicht transparent machen möchte. Nicht, dass es mich nicht auch interessieren würde. Aber ich habe echt Horror davor, noch transparenter zu sein als ohnehin schon. Ein Stück Privatheit möchte ich mir echt erhalten. Ist mir ganz wichtig.

 

Wichtig ist aber auch, dass man sich so etwas nicht verschließen kann und darf, denn sonst verlieren wir den Anschluss an unsere Kinder oder deren Kinder. Und das geht gar nicht.

 

 

 

Caretrialog: Ich trainiere das nicht, aber ich nutz es halt. Ich habe eben mein I-Phone und mein I-Pad und meinen Computer und kann mich nicht hinsetzen und sagen, das interessiert mich alles nicht. Das geht nicht.

 

 

 

Mommsen: Ich mach das jetzt manchmal so, dass ich mir richtig Mail-Zeiten festlege. Weil die Faszination, Post zu bekommen, ist ja etwas fast Archaisches. Früher sind wir fünf Mal zum Briefkasten gerannt, auch, wenn der Postbote schon durch war. Aber es hätte ja noch ein Päckchen kommen können … Das war spannend. Und genauso ist es heute bei Leerlauf-Situationen – Zackbumm – schnell die Mails checken.
Da versuche ich mir nun langsam anzugewöhnen, dass ich nur frühmorgens, mittags und noch mal kurz abends drauf gucke. Öfter nicht. Stattdessen lasse ich auch mal Langeweile entstehen und Leerlauf.

 

 

 

Caretrialog: Aber Langeweile auszuhalten, ist doch superschwer. Schaffen Sie das?

 

 

 

Mommsen: Nö – aber ich arbeite dran …

 

 

 

Postel: Wenn man erkennt, dass es da mit dem Handy schon ein gewisses Suchtverhalten gibt, das habe ich durchaus auch, kann man ja trainieren. Als ich jetzt in Barcelona (Anm. der Red.: für den ZDF-Film „Sommer in Barcelona“) war, hatte ich das Handy am Strand ganz oft nicht mit. Da ist man in den ersten Tagen schon ein bisschen unruhig, weil man denkt: Scheiße, wenn jetzt was Wichtiges passiert, kannste nicht reagieren. Aber das ist ja Blödsinn. Abends kann man ja genauso reagieren. Aber man hat das so verinnerlicht, dass man da den Druck hat, alles zu überprüfen und sofort zu reagieren.

 

 

 

Mommsen: Oder manchmal bei Filmsets. Da spielst du eine Szene zu Ende und dann siehst du, wie 17 Leute auf der Stelle in die Tasche greifen, dir den Rücken zuwenden und sofort die Mails checken. Oder kurz vorm Take nochmal ins Handy gucken, bevor der Befehl ‚Ton ab’ kommt.

 

 

 

Postel: Ich habe ja gerade „Die Kanzlei“ gedreht und da hatten wir 4 Drehtage im Knast, wo man morgens um 7 Uhr einchecken und das Handy bis Abends einschließen musste. Das war furchtbar und ich war total hibbelig und unruhig.

 

Aber jetzt kommt das große ABER: Denn, was plötzlich in der Mittagspause stattfand, waren … GESPRÄCHE, ja! (lautes Lachen von Postel und Mommsen). Ja, GESPRÄCHE! Sonst rast man in der Mittagspause auseinander und checkt das Handy. So aber haben wir uns über dolle Sachen unterhalten und sind sogar privater geworden, was sonst nicht passiert wäre.

 

 

 

Mommsen: Wenn man sich die Bedenken anhört, dass die Technik uns übernehmen wird und ob der Mensch irgendwann noch wichtig ist, dann stimmt das nur zum Teil. Denn diese Tools nehmen dir Arbeit ab, aber nur dann, wenn du sie auch richtig fütterst. In diesem Mechanismus sind wir mittendrin. Als dann allerdings ‚Pokemon Go’ kam, dachte ich auch: Jetzt ist die Welt zu Ende. Wenn ich mir meine Tochter ansah und sie meinte entschuldigend: ,Papa - ich bin doch draußen!’ Und ich sagte nur: ‚Wie – du bist draußen? Du starrst die ganze Zeit nur auf deinen Bildschirm. Wie krank ist das denn!?!“

 

 

 

Postel: Stimmt – in Barcelona ist mir das auch passiert. Da wollte ich nachts nach dem Weg fragen und kam auf so ne Gruppe zu, die alle in eine Richtung starrten. Die haben auch ‚Pokemon Go’ gespielt. Und den Weg wusste natürlich keiner.

 

 

 

Mommsen: Ja – es ist da. Und wir müssen irgendwie damit umgehen. Aber ich mag die nicht, die nur verteufeln und ich mag die nicht, die alles gut finden.

 

 

 

Postel: Hat ja auch Vorteile – diese Technik.

 

 

 

Caretrialog: Bei der ARD wird eine Studie zur Zukunft der Arbeit zitiert, die besagt, dass in nächster Zeit aufgrund der zunehmenden Digitalisierung rund 50 Prozent aller Jobs entweder stark verändert sind oder gänzlich wegfallen.  

 

 

 

Postel: Das finde ich schon zynisch. 50 Prozent ist wirklich eine Zahl, bei der man ein bisschen Angst kriegt. Dazu fällt mir ein Beispiel ein: Beim Lesen meines letzten Hörbuches, sollten wir zunächst jede Seite noch mal ganz genau ansehen, weil die von einem Programm  übersetzt worden war und da plötzlich abenteuerliche Formulierungen drin standen.
Das heißt: Mittlerweile werden die Übersetzerinnen so schlecht bezahlt, dass die erst ein Programm nutzen und dann die Fehler von Leuten überarbeiten lassen. Das sind schon ganze Branchen, die da wegbrechen.

 

 

 

Mommsen: Bei uns die Kamera-Assistenten zum Beispiel. Seit die digital arbeiten, sind viele Tätigkeiten wie der Fussel-Check weggefallen und stattdessen müssen die mit Datenchips und Data Rangler arbeiten.

 

 

 

Caretrialog: Und Sie hatten früher doch sicher auch mehr Drehtage für den Tatort?

 

 

 

Postel: Ja. Ganz früher hatten wir 28. Dann 24 Tage. Und jetzt sind wir bei den Tatort-Leuten ganz weit hinten mit 21 ½ Tagen.

 

 

 

Caretrialog: Und wie kommt es, dass ein Til Schweiger dann so viel mehr Drehtage bekommt und viel mehr Geld ausgeben kann?

 

 

 

Mommsen: Herr Schweiger ist ja bekanntermaßen auch Produzent und weiß, wo man zusätzliche Gelder beschaffen kann und wen man anspricht, damit die in diese Filme mehr investieren. Der hat definitiv viel auf dem Kasten.

 

Sabine und ich sind dagegen Fach-Idioten. Wir sind nur Schauspieler. Aber es gibt Leute, die können auch produzieren. Und es gibt sogar Leute, die auch noch Regie führen können. Also da hat er definitiv ein Talent.

 

 

 

Caretrialog: Ja – ganz unbestritten – beim Produzieren und Vermarkten hat er sicher Talent. Da zumindest.  Aber nun noch einmal zurück zum Thema „Zukunft der Arbeit“: Es gibt ja immer mehr Firmen, deren Unternehmensführung anders ist, weil sie auch auf das Wohl der Angestellten achtet. Wo sich Leute zum Beispiel gehaltsmäßig selber einordnen, Cloudworking-Spaces angeboten werden und damit Kinderziehung neben dem Job besser möglich ist. Wie würden Sie sich den perfekten Arbeitsplatz wünschen?

 

 

 

Mommsen: Wenn man jetzt mal in die Vergangenheit guckt. Ich wohnte während der Schauspielschulen-Zeit in Ostberlin, weil es da günstiger war. Aber mein Telefonanrufbeantworter stand im Westen. Ich musste also immer in die Telefonzelle, um meinen Anrufbeantworter abzuhören. Genau wie 1000 andere … Früher musstest du auch im Büro sitzen, um erreichbar zu sein. Heute ist das nicht mehr so und das ist vor allem für so Freiberufler wie uns eine Riesenbefreiung. Dass wir überall erreichbar sind, ist natürlich ein Segen und ein Fluch zugleich. Dennoch: Egal, wo wir sind, können wir arbeiten. Wir brauchen nur ein Drehbuch und einen Stift und irgendwann dann mal eine Telefonverbindung zur Agentur.

 

 

 

Postel: Ja, da sind wir previlegiert, dass wir unser Büro im Kleinstformat in der Hosentasche haben. Oder in der Handtasche. Das ist schon super.

 

 

 

Mommsen: Früher war das dann so, dass die Agentur dich anrief, weil da ein Casting anstand und sie wollten dir das Drehbuch vorher schicken. Boach – und man dachte schon ‚JippieaJe’ – da könnte ein Job daraus werden. Aber dann kam dieses Scheiß-Drehbuch nicht erst. Heute sagst du einfach: ‚Mail mir das mal schnell!’ Und vor drei Jahren hab ich ein Drehbuch sogar auf dem Handy gelesen, weil es nicht anders ging. Das war zwar nervig, aber ich hatte wenigstens alle Informationen sofort.

 

 

 

Postel: Aber diese Freiräume haben immer auch ihren Preis. Neulich habe ich einen Bericht darüber gelesen, dass Leute, die zu Hause arbeiten, zum Beispiel Mütter mit Kindern, oder auch Väter sagen, dass sich Homeoffice zwar immer erst mal super anhört, aber extrem schwer ist. Denn du kannst gar nicht so diszipliniert arbeiten wie im Büro, weil zum Beispiel der Postbote kommt, unter Krach ist, das Telefon klingelt oder das Kind schreit – also 1000 Sachen, die man dann parallel zur Arbeit macht, was das Ganze erschwert.

 

Und wenn man alleine zu Hause arbeitet, kann das auch zu einer Vereinsamung führen. Auch das ist ein Aspekt, der gar nicht schön ist. Also – die so genannte Freiheit, die natürlich auch da ist, weil du flexibler bist, beinhaltet vielleicht auch, dass du in eine Isolation rutscht.

 

 

 

Mommsen: Und nicht nur das. Du arbeitest ja auch viel mehr. Du bist ja 24 Stunden abrufbar. Und das sieht man auch in unserem Tatort ganz gut. Denn der IT-Firma kommt es darauf an, dass der Workflow oder der Output stimmt. Egal wie. Keder kann kommen wie er will. Aber wir ermitteln da nachts, wir ermitteln tagsüber und immer sind Leute da. Im Endeffekt arbeitest du mit dem System wahrscheinlich mehr, als wenn du sagst, ich komme zu den gängigen Zeiten ins Büro.

 

Oder überleg mal wie das mit dem Management ist: Die müssen von morgens bis nachts abrufbar sein. Da kannst du nicht einfach sagen: ‚Es ist 17 Uhr, ich fahre jetzt nach Hause. Das geht einfach nicht.“

 

 

 

Caretrialog: Das heißt: Wie könnte es richtig gut funktionieren?

 

 

 

Postel: Was man wirklich machen sollte, ist, flexiblere Arbeitszeiten einzuführen. Denn meine Effektivität und Arbeitsleitung muss ja nicht unbedingt zu einem 9-bis-17 Uhr-Zeitraum passen. Weil ich vielleicht eine Familie versorgen muss und eher nachmittags Zeit habe oder besser nachts arbeiten kann. Wenn sich Arbeitgeber darauf einlassen könnte, darauf zu achten, welche Arbeitsleistung jemand erbringt und nicht, welche Arbeitszeit, dann wäre das schon gut. Denn e bringt ja nichts, wenn ich in meinem Büro am Tisch sitze und vor mich hindämmere.

 

 

 

Mommsen: Das ist genauso wie in der Schule, wo Kinder viel zu früh aufstehen müssen und vom Biorhythmus her eigentlich besser er ab 11 Uhr lernen sollten …

 

 

 

Postel: Wenn die Arbeitgeber da flexibler wären, könnte man da viel machen. Aber so funktioniert die Kontrolle vielleicht nicht mehr so gut. Kurios ist da, dass eine solche Flexibilität bei Behörden nicht im Ansatz vorhanden ist. Dazu eine kleine Geschichte: Durch die vielen Regenfälle war in Köln am Freitag Mittag ein Loch in einer wichtigen Straße am Rhein entstanden, die vor allem am Wochenende stark befahren ist. Und es bildeten sich Riesenstaus am ganzen Wochenende, weil die Behörde, die dafür zuständig war, freitagmittags ab 14 Uhr schon geschlossen hatte. Die haben wirklich erst am Montagmorgen angefangen, da Schilder aufzustellen und umzuleiten, als der ganze Anrufbeantworter schon voll mit Beschimpfungen war. Das ist doch absurd oder? Aber so funktionieren Behörden immer noch: überhaupt nicht effektiv und schon gar nicht sinnvoll.

 

 

 

Caretrialog: Da könnte man wirklich besser mal virtuelle Intelligienz einsetzen… auch beim Anmelden von Autos.

 

 

 

Mommsen:  Ja, aber dann haste wieder Arbeitsplätze weniger. Und eines muss man sich wirklich mal vor Augen führen: Wir haben uns das selber ausgedacht, dass wir arbeiten gehen, um Geld zu verdienen, mit dem wir uns irgendwelche Sachen kaufen können. Und jetzt sind wir Sklaven unseres eigenen Systems geworden. Es gibt massenhaft Burnout und es gibt Leute, die von Dächern springen. Mein Traum wäre, dass wir in dem Beruf arbeiten können, den wir lieben. Das hinzukriegen, das wäre schön. Aber das ist eine Utopie, ich weiß. Und ich weiß auch, dass Sabine und ich Previlegierte in unserer Branche sind.

 

 

 

Postel: Ich kenne so viele Kollegen – und zwar auch richtig gute Leute –, die sagen, ich habe nur einen Film im letzten Jahr gedreht oder nicht mal das und ich komme nicht über die Runden. Vor allem, wenn man dann noch eine Familie zu ernähren hat. Das ist echt nicht lustig.

 

 

 

Caretrialog: Stimmt. Das glaube ich. Und kommen wir außerdem zum Thema Älter-Werden in Ihrer Branche. Da kriegt man doch sicher auch gesagt, ‚Du bist zu alt!’ oder ‚Du kannst den jungen Geliebten auch nicht mehr spielen’ oder?

 

 

 

Postel: Zum Glück hört man in den allermeisten Fällen nicht, wie sie über uns reden. Aber natürlich ich es normal, dass Leute nachwachsen. Auch in unserem Beruf. Es gibt viele junge, begabte Menschen und die müssen auch mal das Glück haben, schöne Rollen zu spielen.

 

Und ich glaube nicht daran, dass, wenn ich mir jetzt alles wegliften lasse, was viele ja auch machen, mehr Rollen kriege. Das ist ja Quatsch.

 

Auch in Amerika ist ja mittlerweile der Trend da, dass die Leute wieder in Gesichter gucken wollen, wo sich noch irgendwas bewegt.

 

 

 

Mommsen: Und es gehen ja auch Türen auf, wenn die des jugendlichen Liebhabers zufällt. Zum Beispiel die für den Vater. Also es ist ja schon so in unserem Beruf, wenn du arbeiten kannst, kannst du es auch tun, bist du umkippst.

 

 

 

Postel: Und du kannst in die Rollen hineinwachsen, wenn du nicht so verbotoxt bist, dass du nichts mehr bewegen kannst. Dann spielst du dann eben irgendwann die Mutter und dann die Omma und dann is jut. Und dann spielste die Uroma. Aber die Rollen sind reduzierter. Das ist gar keine Frage.

 

 

 

Caretrialog: Bei Frauen ist das sich noch ein bisschen strenger, dass sich die Medien das Maul drüber zerreissen, ob eine zu fett ist, zu faltig oder …?

 

 

 

Mommsen: Nee – mit dem Ganzen, was die Jungs heute auch so mit sich veranstalten. Ich bin ab und zu mal in der Sauna und denke, gibt’s eigentlich nur schöne Menschen? Da ist doch jeder trainiert – auch gerade in unserer Branche. Und wenn man da mal nach dem Dreh fragt ‚Ey – trinken wir noch n Bier?’ heißt es: ‚Nee – ich bin gerade am Fasten. Oder am Detoxen.’ Ich habe das Gefühl, da nehmen sich Männchen oder Weibchen nicht mehr so viel. Bei den Mädels ist es vielleicht krasser, wenn du bis zu einem gewissen Alter in der Branche nicht so deine Position gefunden hast, da hörst du dann auch gerne mal ‚Brauchste auch gar nicht mehr versuchen, denn dann ist der Zug abgefahren’. Da geht das bei den Jungs vielleicht ein bisschen länger. Aber ansonsten werden wir genauso kritisch beobachtet, wenn wir die Hose runterlassen. Da wird dann schon kritisiert: ‚Was hat der denn da?’ ‚Da hätte man aber mal echt mal was machen können’. Und ich werde genauso geschminkt oder ich höre ‚sieht Scheiße aus’. Wir sind nunmal in einem Beruf, da geht es um Optik. In der Beziehung haben wir uns leider das falsche Pferd ausgesucht.

 

 

 

Postel: Bei Männern ist das aber schon etwas zeitverzögerter als bei den Frauen. So zehn Jahre würde ich sagen …

 

 

 

Mommsen: Nee – fünf.

 

 

 

Postel: Ja, meinste? Nee – ich glaube, etwas verzögerter ist es schon.

 

 

 

Mommsen: Aber dann denkst du in unserer Branche eben – dann spiel ich Theater. Da ist das nicht so streng mit der Optik. Boah – oder du hast Abende, wo du denkst, ich würde jetzt echt gerne mit den Kumpels feiern gehen, geht aber nicht, weil du am nächsten Tag solche Klüsen hast und bei Großaufnahmen schlimm aussiehst. Oder du überlegst, was du isst und was nicht. Und dann sagste ‚Ach Verdammt, ich scheiß drauf. Ich will die Szene schließlich fühlen, ich will sie spüren, ich will mit meinen Kollegen spielen, da ist es doch egal, wie ich aussehe. Da kommt dann aber ein Redakteur und sagt ‚Das machen wir aber nicht mehr mit dem Mommsen…“ Also: Augen auf bei der Berufswahl!

 

 

 

Postel: Ja – oder wenn da Leute völlig versoffen aussehen, wars das denn auch.

 

 

 

Mommsen: Es sei denn, du hast immer schon das Fach des Versoffenen bedient, dann ist das egal. Aber wenn du als smarter Typ oder scharfe Blondine angetreten bist, kriegste zu hören – ‚Hauptsache, du hast Spaß dabei gehabt, weil die Rolle kriegste nicht mehr’.

 

 

 

Caretrialog: Zukunft der Arbeit – wie ist das bei Ihnen in zehn Jahren?

 

 

 

Postel: In zehn Jahren? Soweit denk ich ja gar nicht. Aber mir kann nicht mehr so wahnsinnig viel passieren. Weil, wenn man es als Frau geschafft hat, über 45 noch Rollenangebote zu bekommen, dann isses schon wurscht. Das ist die magische Grenze, bei der mache auch versuchen, ewig jung zu bleiben, dann kriegen sie bloß irgendwann keine Jobs mehr. Oder du wächst herein in das Alter. Es ist aber halt so, dass es immer weniger Frauen- als Männerrollen gibt. Ich würde sagen fast ein Viertel zu drei Viertel.

 

 

 

Mommsen: Und es gibt mehr Schauspielerinnen als Schauspieler. Das fängt doch schon bei der Schauspiel-AG an. Da gab’s immer mehr Mädels als Jungs. Als ich damals angefangen habe, habe ich ganz klar kalkuliert: Okay – es gibt mehr Männerrollen und mehr Schauspielerinnen. Da liegst du doch auf der goldrichtigen Seite.

 

 

 

Postel: In meiner Altersgruppe gibt’s wirklich nur noch rund  fünf bis maximal zehn Schauspielerinnen. Mehr gibt’s da nicht. Und wo sehe ich mich in 10 Jahren? Wenn ich gesund bin, dann arbeite ich, bis ich tot umfalle, weil mir der Beruf Spaß macht. Und das ist das Wichtigste überhaupt, dass man bei Kräften bleibt und dass man auf sich achtet bei den Sachen, die man beeinflussen kann.

 

 

 

Mommsen: Und dass man neugierig bleibt. Das ist ja das schöne an unserem Beruf. Jede Rolle fordert einen immer wieder erneut heraus.

 

 

 

Postel: Man kann sich nicht zurücklehnen und behäbig werden. Das geht nicht. Nicht im Kopf und auch nicht körperlich. Immer lernen. Auch mit der Kanzlei. Da sitze ja jeden Abend da und lernst neu. Das hält fit.